Die Diskussion um Nachhaltigkeit und eine Änderung unserer Lebensweise befördert den Begriff des Bewusstseinswandels ein weiteres Mal in die Arena des öffentlichen Selbstgespräches. Er steht dort in gewohnt selbstbewusster Pose: als Forderung. In diesem Gestus stiftet dieser Begriff freilich mehr Ärger als Nutzen. Denn unabhängig von intellektuell interessanten Beschreibungen historischen Kulturwandels bekommt der Begriff als rhetorischer Kampfruf den ermüdenden Klang einer Plattitüde.
Bewusstseinswandel als Handlungsempfehlung ist nicht nur eine Phrase ohne reale Substanz (außer vielleicht durch den Einsatz von psychoaktiven Drogen), sondern es ist auch eine Ausgrenzungsvokabel. Wer einen Bewusstseinswandel fordert, der verlangt ihn in aller Regel nicht von sich selbst, sondern vom Anderen. Die Binnenmoral einer bestimmten Gruppierung grenzt sich gegen den vermeintlich falsch Handelnden ab.
Doch in dem ich die Forderung nach einem besseren Handeln in die irreale Floskel der Bewusstseinsänderung kleide, vertiefe ich die Gräben zwischen den Lebensentwürfen. Man fordert man das nahezu Unerfüllbare: Sei nicht, wie du bist! Eine Bewusstseinsveränderung ist – praktisch betrachtet – für den Einzelnen eine kaum zu übersteigende Hürde. Ein Bewusstseinswandel ist eine gesellschaftlich historische Größe vor dem Hintergrund eines beachtlichen Zeithorizonts, es ist keine persönliche Kategorie mit Alltagsnutzen. So wird das Wort als Forderung zu einer sprachlich vagen aber nichtsdestotrotz unübersteigbaren Mauer.
Solche Mauern dürfen wir nicht aufrichten, wenn wir gemeinsam etwas erreichen wollen. Wir müssen im Gegenteil die Grenzen unserer Geistesgemeinschaften und Lebenskonzepte ausweiten und durchlässig machen. Wir müssen den anderen ins Boot holen, anstatt ihn mit dem Postulat eines gewandelten Bewusstseins zu nerven.
Wir müssen uns auch von dem hinter dem »Bewusstseinswandel« schlummernden Weltrettungs-Perfektionismus lösen. Eine Welt ohne Fehler werden wir nicht bekommen. Eine Welt, vollkommen frei von Umweltzerstörung und Ungleichheit – eine solche Welt wird es niemals geben.
Diese Erkenntnis darf natürlich andererseits nicht zu dazu führen, die offensichtlichen Fehlentwicklungen zu entschuldigen und das Richtige zu lassen. Denn klar ist, dass wir eine sehr viel bessere Welt schaffen müssen und auch können. Doch der Weg in eine lebenswertere Zukunft liegt in der Verwirklichung des Möglichen und nicht im Kampf um den Nirgend-Ort der Utopie. Der Spruch »Fordere das Unmögliche, um das Mögliche zu erreichen« ist ein Bremsklotz des Geistes und oftmals auch eine selbstgefällige Überhöhung der eigenen Intentionen.
Wer das Unmögliche fordert, auch von sich selbst, und wer keine Fehler verzeiht, auch nicht seine eigenen, ist kein Idealist, sondern ein Dogmatiker. Der Idealist tut seinen Teil des ihm Möglichen. Unbeirrt, aber auch mit Gelassenheit. Durch eine undogmatische Begeisterung und den Glauben an die Wirksamkeit des Menschenmöglichen bekommen idealistische Vorstellungen von einer lebenswerten Zukunft die Flügel, die uns weit über den Aufbruch hinaustragen können.
Eine bessere Welt wird nicht von Hardlinern mit gewandeltem Bewusstsein geformt, sondern von der Überzeugung, dass das Mögliche reichen wird, wenn wir es denn mit Begeisterung tun. Dazu müssen wir die Perfektion und die Utopie überwinden und verstehen, dass unperfekte Menschen auf ihre widersprüchliche Art und Weise eine bessere, lebenswerte – wenn auch nicht perfekte – Zukunft schaffen können.