Ich hatte ein interessantes Gespräch über Sinn und Wirkung persönlicher Weiterbildung. Soll man sich spezialisieren oder von möglichst vielem etwas aufnehmen? Auslöser des Gesprächs waren die großen thematischen Unterschiede der Bücher, die ich lese sowie der Vorträge und Hörbücher, die ich ansehe und anhöre. Neben meiner zeitweise berufsbedingten Konzentration auf bestimmten Themen, nehmen sehr verschiedene Fachrichtungen und Perspektiven einen großen Raum in meiner Lektüre ein. Mir ist das nie als komisch aufgefallen, ist es vielleicht auch nicht.

In dem Gespräch stand aber doch die Frage im Raum, ob das umherschweifende Einsammeln völlig unterschiedlicher Einflüsse Zeitverschwendung ist? Wäre es nicht erfolgsorientierter und effizienter, sich weiter und weiter zu spezialisieren, sich auf das Erreichen einer Exzellenz hin zu fokussieren? Muss man nicht nach dem maximalen Expertentum streben?

Es scheint so zu sein. Der Spezialist verfügt über eine viel leichter zu vermarktende Fähigkeit. Sein Angebot ist klar definierbar und er verfügt über eine unerhörte Autorität in dem von ihm beanspruchten geistigen Territorium. In einem bestimmten Bereich kennt er alle Antworten und zeigt die Lösungen. Deshalb ist er geschätzt, nützlich und wertvoll. In der unübersichtlichen Welt schafft er jene begrenzte Übersicht und Klarheit, die uns eine selbstbewusste Entscheidung ermöglicht.

Doch ein solches Verständnis von Weiterbildung ist sehr funktionsorientiert und damit reduziert. Der Nutzen des Experten entfaltet sich jeweils nur auf einem bestimmten Gebiet, sein Überblick ist Detailwissen und seine Übersicht hat nur in den Grenzen eines bestimmten Denksystems Gültigkeit.

Als Alternative – oder zumindest Ergänzung – könnte man vielleicht eine Idee der nichtlinearen Bildung umschreiben. Denn nur ein kleiner Teil von Wissen und Lernen baut in einer notwendigen Reihenfolge aufeinander auf. Die meisten Inhalte setzen sich zueinander in Bezug, besitzen aber keine Abfolge. Man kann den Steppenwolf mit 70 und Dostojewski mit 12 lesen. Man kann Camus entdecken, obwohl er schon tot ist und Herta Müller ignorieren, obwohl sie den aktuellen Nobelpreis hat. Es ist nie zu spät oder zu früh.

Wir können uns mit der Surfer-Kultur der 60er, mit Marketing, Thomas von Aquin und dann mit Nanotechnologie beschäftigen. Es gibt keinen Bildungscanon, keinen Weg, kein Genre und kein Fachgebiet, dem wir folgen müssen. In Monokulturen gedeiht nichts Fruchtbares.

Wir können am jedem Ort beginnen und aufhören, an den Intuition und Impuls uns führen. Man muss nicht erst jenes und dann dieses lesen und lernen. Man muss nur eines: Aufmerksam sein für die Veränderungen, die jede Anreicherung von neuem in unserem Geist bewirkt. Das ist das eigentliche Wesen von Bildung. Es geht nicht um das Wissen selbst, nicht um das Ansammeln von Zitaten oder darum Millionär zu werden. Es geht darum, was in unserem inneren Chor unterschiedlicher Gedanken und Stimmen passiert, wenn wir eine neue Stimme oder Tonfolge hinzufügen. Jedes Mal ändert sich das Lied im Ganzen, um eine Nuance bisweilen, dann und wann auch um ein mächtiges Motiv.

Das ist kein gradliniger und zielgerichteter Prozess und wir bereichern uns selbst in unerhörter Weise, wenn wir ihn befördern anstatt ihm auszuweichen. Indem wir Verschiedenes, ja sogar Widersprüchliches, in uns vereinen, geben wir uns den Freiraum der Selbstentdeckung. Wir sind nicht, was wir gelernt und erfahren haben, wir sind die Verbindungen und Resonanzen, die zwischen den Dingen in uns entstehen.

Unser Selbst ist ein Teich, in den wir Steine werfen. Wir sind nicht die Steine, wir sind nicht einmal das Wasser. Wir sind wie die Wellen, die durch die Steine entstehen, die wir hineinwerfen. Und in welcher Reihenfolge und wo wir die Steine hineinwerfen ist gleichgültig.

Sich bilden heißt: Dinge, die vorher nicht zusammen waren, zusammen zu bringen. Jeder von uns besteht aus Unterschieden. In der Verknüpfung dieser Unterschiede liegt ein Maßstab unserer Reife.  Das aktuelle Bildungsideal orientiert sich mittlerweile an einer eindimensionalen Funktionalität. Schul- und Universitätsbildung sortiert sich zunehmend und äußerst kurzsichtig an einer vermeintlichen Berufstauglichkeit. Die Hoffnung, einen Platz in der Funktionselite zu erkämpfen, wird zum Restrukturierungsmanager des freien Geistes.

Verkäufer lesen Bücher übers Verkaufen, Manager lesen Wirtschaftsmeldungen über andere Manager, Köche Kochbücher und so fort. Diese Fokussierung führt zwar zu hohem Wissen auf einem bestimmten Gebiet. Aber sie ist eine Fehlentwicklung, wenn sie das offene Wesen der Selbstbildung vernachlässigt. Spezialwissen macht uns zu Experten, aber übergreifendes, vernetztes Denken macht uns klug und hilft uns, in einem größeren Rahmen richtig zu entscheiden.

Und es macht uns glücklich, denn nur in der unerwarteten Erkenntnis, in den neuen Einblicken, die durch das plötzliche Zusammentreffen völlig unterschiedlicher Denkimpulse wie aus dem Nichts entstehen können, entfaltet sich das volle Vermögen und Vergnügen unserer inneren Möglichkeiten.

Unser Intellekt ist ein Generalist. Er hat die natürliche Fähigkeit zur Synthese, wie einen anthropologischen Urimpuls, der schon unseren Vorfahren half, sich an die Vielgestaltigkeit ihrer beschwerlichen Umwelt anzupassen. Wenn wir unsere geistige Nahrung aus den Monokulturen der Experten beziehen, unterdrücken wir diese Fähigkeit. Eine evolutionär erprobte Fähigkeit, die angesichts der zunehmenden Beschwerlichkeit unserer wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Kontexte durchaus wieder zu einem Überlebensfaktor werden könnte. Zumindest jedoch zu einem Wohllebensfaktor.

Vielleicht ist es gerade angesichts einer fordernd komplizierten Wirklichkeit wichtig, dass wir die Köpfe aus unseren Expertenpools heben, über den Tellerrand blicken und uns bereichern lassen durch die Randbereiche unserer vertrauten Pfade. Dass wir uns verändern lassen durch die überraschenden Perspektiven vermeintlich weit entfernter Gedankengänge.