Nun sind wir im neuen Jahr. Silvester vorbei, Weihnachten vorbei. Die Weihnachtszeit ist in traditioneller Weise auch Spendenzeit. Vielleicht um den Gewissensschauder während unseres Konsumrausches ein wenig zu beschwichtigen, denken wir ein bißchen an die Armen und Chancenlosen. Zumindest ein paar mehr Menschen als sonst tun das. Wenn wir im Sommer im Park sitzen, dann tun das wieder ein paar weniger. Nun gut, kann man sagen, besser an Weihnachten als nie.

Besser immer. Besser alle. Das fordert der australische Philosoph Peter Singer in seinem neuen Buch The Life You Can Save: Acting Now to End World Poverty. Peter Singer ist einer der bedeutendsten Gegenwartsphilosophen, Moralist, ein bekennender Nicht-Gläubiger und (unverdientermaßen) seit Jahren beliebter Prügelknabe konservativer Christen. Peter Singer ist eine der vehementesten Stimmen für eine humanistische Ethik und für ein moralisch besseres Verhalten gegenüber Menschen und Tieren gleichermaßen.

Es gibt für einen Menschen der westlichen Wohlstandswelt keinen Grund und eigentlich auch keine Rechtfertigung, nicht mit einem kleinen Teil seiner finanziellen Möglichkeiten kontinuierlich gegen die Armut der Welt zu arbeiten. Jeder von uns kann tatsächlich Leben retten und er ist geradezu moralisch dazu verpflichtet.

Folgende Szene: Bei einem Parkspaziergang sehen wir in einem Teich ein Kind, das offensichtlich nicht schwimmen kann und dabei ist unterzugehen. Keine Eltern, keine anderen Erwachsenen in Sicht. Niemand, der sich aufmacht, das Kind vor dem Ertrinken zu retten. Die Gefahr ist groß, es gibt keine Zeit zu warten oder Hilfe zu holen. Es ist keine Frage, was jeder von uns tun würde.

Natürlich rennen wir los, springen in den Teich und retten das Kind. Was aber, wenn wir gerade unsere neuen italienischen Schuhe anhaben, 300 Euro, an diesem Morgen frisch gekauft, gerade vor unserem Spaziergang durch den Park! Die Schuhe sind mit Sicherheit ruiniert, wenn wir durch das brackige Teichwasser waten. Sollen wir wirklich unsere Schuhe kaputtmachen? Wie bitte? fragen wir da. Was soll das? Was sind italienische Schuhe gegen das Leben eines Kindes? Wir rennen in den Teich und denken nicht an den Wert irgendwelcher Schuhe und unser monatliches Einkommen.

Zwischen dem ertrinkenden Kind im Teich und dem verhungernden Kind in Afrika gibt es moralisch keinen Unterschied. Sagt Peter Singer und fordert uns auf, sich dieser Verantwortung zu stellen und entsprechend zu handeln. In seinem Buch zeigt er, dass sämtliche Gegenargumente, die einem einfallen könnten, um nicht einen Teil seines Einkommens regelmäßig einer Hilfsorganisation für die Allerärmsten zu spenden, ungültig und unhaltbar sind. Peter Singer will nicht nur zum Denken anregen, sondern auch zum Handeln. Auf der Website zum Buch kann jeder ausrechnen, prozentual wieviel er bei seinem Einkommen spenden sollte. Bei geringem Verdienst wird nur 1-5% veranschlagt, Summen die sich jeder leisten kann, ja er muss es geradezu, wenn er  den ethischen Argumenten Peter Singers folgt.

Wichtig ist, dass die Spende richtig und effizient eingesetzt wird. Keiner will, dass sein Geld im Apparat einer aufgeblähten Beamtenorganisation versickert, die vielleicht ein Vielfaches meiner Spende durch jahrelange Werbepost an mich wieder ausgibt. Peter Singer listet ein paar geprüfte Hilfsinitiativen auf und verweist auf unabhängige Organisationen, die den Wirkungsgrad von Hilfsorganisationen bewerten und untersuchen, wie viel von meinem Geld tatsächlich ankommt. Give Well ist eine dieser Organisationen und ein Blick auf ihre Website lohnt sich.

Das Buch von Peter Singer erscheint demnächst auf Deutsch. Ich wünsche ihm viele Leser.