Kommunikation 2.0 – eine kritische Anmerkung

Das Internet repräsentiert in keiner Weise unsere natürliche Art der Kommunikation. Es reduziert die komplexen Facetten zwischenmenschlichen Austausches auf die banalen Möglichkeiten einer mittelmäßigen Software-Architektur.

Der Bedeutungsraum Sprache und die Strukturen menschlicher Verständigung werden herabgebrochen auf digitale Kompatibilität. Kommunikation im Web 2.0 folgt der Reduktionsphilosophie komprimierter Datenpakete. Sprache wird zum mp3-Text mit geringer Datenrate, angereichert durch die Einbindung kindhafter »Emoticons« als vorgestanzte Schrumpfungen unseres emotionalen Spektrums.

Die Idee eines Meinungsaustausches wird zersplittert in die Podiumsrufe endloser Kommentarschleifen. Kommentare suchen kein Gegenüber, sie suchen ein Publikum. Sie erzeugen die Simulation eines Austausches durch die Aneinanderreihung von Monologen. Ein Gespräch wird zum Thread, zum sich kontinuierlich verwirrenden Zwirn anonymisierter Körperlosigkeiten. Das Ziel eines Gesprächs ist das Erreichen von Klarheit. Der Thread jedoch hat kein Ende, er verwirklicht sich in wachsendem Chaos.

Kommunikation im Internet ist nicht menschlich, weil seine Strukturen durch Software vorgegeben werden und nicht durch die Gesprächspartner. Deshalb degeneriert das Internet unsere Kommunikation, wir opfern Tiefe für Masse, Differenziertheit für Geschwindigkeit und wir beginnen, den Meinungsaustausch mit anderen Menschen in Strukturbäumen wahrzunehmen. Wir pressen unseren Geist in Verlaufsdiagramme.

Die Frage, was dieser Web 2.0 Kommunikationscode mit uns macht und welche Auswirkungen er auf persönliche Selbstwahrnehmung und gesellschaftliche Meinungsbildung hat, sollte uns durchaus intensiver als bisher beschäftigen.

Die Welt ist eine Erzählung

Die Welt ist eine Erzählung

cydonna / photocase.comDie Narration ist die unmittelbarste und umfassendste Annäherung an Wirklichkeiten und Zukünfte. Nur die Erzählung bezieht den subjektiven Innenraum einer Situation mit ein: die Gefühls- und Erlebenswelt. Da keiner von uns jemals diese Perspektive verlassen kann, ist die Narration für uns die wirklichste Wiedergabe einer Situation. Wenn wir auf den Fortgang und die Zusammenhänge unseres Lebens blicken, sehen wir keine Dokumentation, Statistik oder Analyse. Unser Leben erscheint uns gleichsam als eine Art Erzählung. Nur in der Narration können wir deshalb den vollen Realitätsumfang erspüren. Die unpersonale Analyse hat wichtige Funktionen für das Verständnis komplexer Sachverhalte, sie ist aber auch wie das Kochrezept im Vergleich zum Erleben des Essens.

Um den Versuch zu wagen, die Konsequenzen eines Sachverhaltes angemessen einzuschätzen, müssen wir das Erfühlen einbeziehen. Uns besinnen auf den ganzheitlichen Zugang zu den Umständen der Welt, wie sie uns nur die Narration ermöglicht, da nur sie aus der gleichen Richtung auf die Wirklichkeit blickt wie wir.

Kritischer Rationalismus und Wissenschaften öffnen die Welt für das Bewusstsein, aber die Erzählung öffnet den Geist für die Welt.

Will man die volle Bedeutung der Dinge verstehen, die unser Leben formen, muss man eine Geschichte darüber erzählen.