Als ich Jugendlicher war, gab es noch die DDR. Für mich, wie wohl für die meisten jungen Menschen in Westdeutschland, war dieses Land ein unlokalisiertes Irgendwo. Genauso wie der sie beinhaltende Ostblock, den man heute nur noch im Fußballstadion vermutet, war das kein wirkliches Land. Nicht wie die Niederlande, Italien, Spanien oder Dänemark, das waren wirkliche Orte. Urlaubsorte meistens und deshalb auf unbestimmte Weise positiv.

Die DDR gab es einfach irgendwo hinter dem Horizont des täglichen Lebens, dort wo auch eine Menge anderer Dinge ihr potenzielles Gewicht vor unserer Jugend verbargen, ohne uns im Weg zu stehen.

Doch in dem Maße, in dem einige von uns anfingen, sich in die Eigenständigkeit des Denkens einzuüben, Fragen zu stellen und Forderungen an die Gesellschaft zu formulieren, bekam die DDR eine andere Rolle zugewiesen. Eine rein rhetorische Rolle allerdings, denn es entstand eine symbolische DDR, die ein seltsames und völlig unabhängiges Eigenleben neben der real existierenden DDR zu führen begann.

Auf eine Weise, die vielleicht eine erzieherische Tradierung »dunkler Wald«-Motive widerspiegelte, wurde die DDR zur Exil-Androhung. Zur Ultima Ratio der Missbilligung vermeintlich linker Überzeugungen und kritischer Selbstsozialisierungsversuche. »Geh doch nach drüben« klang es vom entfernten politischen Ufer – wenn es dir hier nicht passt mit den Atomraketen, dem Waldsterben, den Kraftwerken, den verstaubten Autoritäten und mit allem, an dem sich jugendliche Klarsicht entzünden konnte. Dass dies freilich nichts mit der real existierenden DDR zu tun hatte, spielte bei diesem Akt rhetorischen Missbrauchs zu keinem Zeitpunkt eine Rolle. Darum ging es auch gar nicht.

Die historisch kurzzeitige Separation eines Volkes in zwei getrennte Kühlfächer schuf einen idealen Nirgend-Ort, einen dunklen Bruder, den man imaginativ mit allem füllen konnte, für das im eigenen abgesicherten Sinnkontext kein Platz blieb. Ein fiktiver Ort, an den man unbequeme Gedanken verbannen konnte und die Besitzer dieser Gedanken am liebsten gleich mit.Der kritische Geist wurde exiliert ins Schattenreich. »Geh doch nach drüben« wurde eine Beschwörungsformel gegen Zeitgeister, eine Abwehrgeste gegen den bösen Blick des Intellekts.

Die Wirklichkeit hat sich dieses Avatars entledigt und vielleicht gibt es Menschen, die dieses fiktive Land nun vermissen. Es gibt kein Drüben mehr und damit auch keine sprachliche Sicherheitszone, in der wir die Ruhestörungen des Status Quo einhegen und vergessen konnten. Solange es das Drüben gab, waren die bösen Geister eigentlich gar nicht wirklich da. Sie waren von drüben. Man musste sie nur daran erinnern.

Wir haben unsere globalisierte Welt ideologisch bis in den kleinsten Winkel ausgeleuchtet, doch anders als die Straßenlaternen der Moderne konnten wir die Geister nicht vertreiben. Wohin sollen wir sie nun bannen? »Geh doch nach Nord-Korea« klingt eher wie die dürftige Selbstironie depressiver Investmentbanker, als wie ein überzeugender Imperativ zur Verteidigung des globalen Status Quo.

Es gibt kein geographisches Symbol mehr für die Abschiebung kritischer Fragen, vielleicht – und hier mag ein Infektionsherd unserer zivilisatorischen Bedeutungskrise liegen – gibt es überhaupt keinen Ausweg mehr. Wohin auf den Karten unserer inneren Ordnung sollen wir die Harmoniestörer schicken? Sollen wir ihnen angesichts des wachsenden Anschwellens von Straßenbesetzungen, sei es auf der Wall Street oder auf anderen symbolhaften Flaniermeilen, empfehlen: »Geh doch auf die Straße«? Oder, schlagkräftig verkürzt: »Da ist die Tür!«

Mit dem Verlust der ideologischen Schattenwelt für Unruhestifter hat sich jedoch noch mehr verändert. Das Dunkel des Drübens, wo immer wir es nun in unseren Köpfen suchen wollen, verliert seinen Schrecken. Denn die Schatten hausen hier bei uns, in den schlecht ausgeleuchteten Winkeln unserer zivilisatorischen Verwaltungsgebäude.

Und der Weg auf die Straße ist entweder der letzte oder der erste Versuch, ein wirkliches Drüben zu finden, jenseits unserer gewohnten Bequemlichkeit. Vielleicht kehrt es sich um, das Verhältnis von Drüben und Hier. Vielleicht werden die Hausmeister der Bürokratie zu den Verlassenen, weil die anderen alle schon längst drüben sind und die, die hier bleiben, werden zur Fiktion.

Vielleicht beflügelt sich eine Aufbruchstimmung sogar zu einer Umkehrung längst vergessener Rhetorik. Nicht mehr in Form einer Ausgrenzung, sondern als kopfschüttelndes Unverständnis über mangelnde geistige Beweglichkeit.

Dann heißt es nicht mehr „Geh doch nach drüben!“, sondern „Dann bleib halt hier.“