Foto: fraencko / flickrIn dem großartigen Buch The Stuff of Thought – Language as A Window into Human Nature von Steven Pinker gibt es einen Abschnitt darüber, wie wir sprachlich mit Ursache und Wirkung umgehen. In einem amüsanten Exkurs nimmt Steven Pinker jene Formulierungen aufs Korn, in denen sich das aktiv verursachende Subjekt in einer passiven Satzkonstruktion versteckt, um der Möglichkeit einer moralischen Einschätzung zu entgehen.

Wenn also zum Beispiel der Vorstandsvorsitzende des angeschlagenen Konzerns auf einer Hauptversammlung den Aktionären eröffnet Es wurden Fehler gemacht oder – als ginge es hier um Dinge wie das Wetter oder die Mondphasen – Es sind Fehler passiert. Im zweiten Fall wird der Verursacher nicht nur versteckt, es wird sprachlich geleugnet, dass ein verursachendes Subjekt überhaupt existiert.

Bei der Lektüre dieses Abschnitts in Pinkers Buch fiel mir sofort mein Lieblings-Tarnsatz ein, der uns im Alltag oft über den Weg läuft, den wir aber selten dekodieren und deshalb wie einen glatten Drops schlucken, ohne uns viel dabei zu denken.

Dieses Geschäft wird videoüberwacht oder Dieser Bahnhof ist kameraüberwacht. Feine kleine Beispiele, wie man einen Umstand formulieren kann und ihn dabei gleichzeitig völlig zum Verschwinden bringt. Die Sprache dieser Sätze versteckt gleich zwei Dinge.

Zum einen wird nicht das Geschäft überwacht, sondern die Menschen, die sich darin aufhalten, also du gerade. Zum anderen wird es nicht überwacht durch ein ungenanntes Subjekt (die Kamera vielleicht), sondern durch Überwacher, also aktiv handelnde Menschen, die die Filme anschauen und auswerten. Der Satz Dieses Geschäft wird videoüberwacht heisst also eigentlich Wir überwachen dich mit einer Videokamera, solange du in diesem Geschäft bist.

Wie behütet und sicher würde man sich wohl beim Einkaufen fühlen, wenn das auf dem Schild stünde?