Auf die Barrikaden!

Auf die Barrikaden!

Das normale Projekt erfüllt Erwartungen, das außergewöhnliche Projekt schafft Neues. Das normale Projekt präsentiert Lösungen, das außergewöhnliche Projekt stellt Fragen. Das normale Projekt erfordert Fleiß, das außergewöhnliche Projekt erfordert Mut.

Bei innovativen Unternehmungen, neuen Herausforderungen, wenn wir uns daran begeben, den inneren Überzeugungen zu folgen, gibt es zwei entscheidende Momente an denen in uns eine Flamme brennen muss: am Anfang und im Zweifel.

Der erste Impuls wirft uns nach vorne, es ist der Funke der Muse, eine klare Vision der fertigen Idee. Diese kreativen Momente lassen uns eine tiefe Vollständigkeit mit uns selbst empfinden, sie zeigen uns die Kraft, die uns zur Verfügung steht. Sie ziehen für einen kurzen Moment das Tuch des Alltags von unserem wahren Ich, mit dem wir in diese Welt getreten sind: mutig, kreativ, innovativ und begeistert. An diesen Funken müssen wir glauben, wenn wir weiter in unserem Projekt vorangehen. Das kann ein Buch sein, ein Artikel, den wir schreiben, ein fantastisches neues Layout, das der Grafiker entwirft, das Geschäftsmodell für ein wirklich innovatives Unternehmen, eine neue Maschine, ein Gedicht, eine physikalische Theorie oder ein Marketingkonzept.

Doch es ist die zweite Flamme, die über den Erfolg entscheidet. Wir brauchen Kampfkraft und Tapferkeit. Kampfkraft gegen uns selbst und gegen unsere Angst, zu scheitern. Es gibt bei schwierigen und herausfordernden Projekten immer Augenblicke starken Selbstzweifels. Es kommt der Impuls, sich anzupassen, auf Nummer sicher zu gehen. Altbekannte Erwartungen zu erfüllen. Der ängstliche Affe in unserem Stammhirn möchte zurück in die sichere Höhle.

Doch gerade in solchen Momenten muss man stehen bleiben, Tapferkeit zeigen und seinen Stand ganz bewusst riskieren. In solche Momenten können Revolutionen entstehen, hier liegt unser Potenzial für wirkliche Veränderung und persönliches Wachstum. Nur wer den Mut hat, auch einmal grandios zu scheitern, kann neue Ideen verwirklichen. Oft kommen diese Augenblicke kurz vor Schluss eines Projekts. Wir möchten die Anforderungen, die wir stellen, reduzieren, wir möchten unseren Zweifeln nachgeben, wir möchten die Verlustängste beschwichtigen und die Unsicherheiten beseitigen.

Stattdessen müssen wir die Ängste umarmen und statt zu fallen müssen wir auf die Barrikaden steigen und Tapferkeit im Angesicht des Zweifels zeigen. Denn am Anfang stand ein Funken unseres mutigen, schöpferischen Selbst.

Wir müssen Revolutionäre sein gegen unsere Ängste.

Wenn Bücher zu Zetteln werden

Shortbooks und Exzerpt-Dienste machen aus Büchern verdauliche Infokost. Komplexe Gedankengänge werden zu Postings, Informationen zum Status, Wissen zu Stichworten. Was sagt uns das über die Wissensgesellschaft?

»The future is there … looking back at us. Trying to make sense of the fiction we will have become.«  —  William Gibson, Pattern Recognition

Man sagt, dass in der Kürze die Würze liegt und es sieht so aus, als äßen wir gerne scharf. Die zeitgenössische Wissensgesellschaft ist geradezu vernarrt in die Vorstellung, aus umfangreichen Inhalten übersichtlichen »Content« zu machen. Wir verschaffen uns einen Überblick, alles wird runtergebrochen, zusammengefasst, zu Stichpunkten verdichtet. Meinungen werden zu Kernaussagen gesiebt, der Blick richtet sich auf das vermeintlich Wesentliche – wir alle sind erfüllt von der Sehnsucht nach dem Grundgedanken.

Sichtbarer Ausdruck dieses Trends ist der Boom der Abstracts, Zusammenfassungen und Shortbooks. Vor allem bei Managern, Entscheidern und anderen Mitredern erfreuen sich die Mikroversionen von Sachbüchern, Ratgebern – aber auch von Klassikern der Weltliteratur – scheinbar zunehmender Beliebtheit. Eine eigene Branche von Dienstleistern lebt mittlerweile davon, komplexe Sachbücher in Audio-Shortbooks und Exzerptdiensten zu Überblickswissen zu komprimieren.

In der Wissensgesellschaft ist Informiertheit zu einem Statusgut geworden, das in Konflikt zum chronischen Zeitmangel karrierebewusster Macher steht. Die Verbindung von Bildung und Leistungsgesellschaft bringt uns in ein Dilemma: Wirkliches Verstehen und tief greifende Denkanstöße brauchen Zeit und Ruhe, sie entstehen in leistungsfreie Räumen.

Das lesende Nachvollziehen umfangreicher Sachzusammenhänge scheint mehr und mehr zur esoterischen Meditationsform der Moderne zu werden, zu einer fast schon anachronistischen Mischung aus Marathonläufer und Fakir. Werk und Abstract, Zeitaufwand und Shortbook – hier das bedächtige Abschreiten eines Gedankengangs mit seinen Verästelungen, dort die wie Impulse auftauchenden Aussagen. Doch ist die geistige Arbeit an einem komplexen Werk wie eine Gleichung, bei der wir das Ergebnis betrachten können und den Rechenweg vernachlässigen? Funktioniert Erkenntnis ohne den Weg des Erkennens? Und welchen Sinn hat für uns eine Erkenntnis, die nicht unser eigenes Ergebnis ist?

Wenn wir uns mit der Zusammenfassung begnügen, dann finden wir uns wie mit einem Helikopter abgesetzt auf dem Gipfel eines Berges. Auch wenn wir den schmalen Raum um das Gipfelkreuz abschreiten, was können wir jenen von dem Berg erzählen, die, ermattet und doch von unbändigem Leuchten erfüllt, aus eigener Kraft an den gleichen Ort gelangen? Auch wenn wir »nur wissen wollten, worum es geht« – wissen wir es dann? Haben wir wirklich etwas verstanden, wenn wir nicht selbst geklettert sind?

Vielleicht sind die boomenden Abstractdienste und Shortbooks aber auch ein sentimentaler Rückblick, mit der wir einen grundlegenden Wandel von Verstehens- und Bildungsprozessen begleiten. Vielleicht stellen sie den kognitiven Versuch dar, unzeitgemäße Bildungsformen in den stroboskopischen Rhythmus der »modernen Moderne« (Christian Blümelhuber) zu übertragen. Betrachtet man es aus dieser Perspektive, dann markiert sich der Abschied von der Gutenberg-Ära auch in einer Verdichtung und Verdünnung des niedergeschriebenen Gedankengewichts zum flüchtigen Ideenimpuls. Dann bekommen wir statt den Theorie- und Argumentationsgebirgen einen Laster voller Kieselsteine.

Es wird zum Schicksal des modernen Lebens, dass wir nunmehr beginnen, in Fragmenten zu denken. Der Weg von klassischer Gelehrtheit zum informierten Zeitgenossen führte vom „Viel von Wenigen“ zum „Wenigen vom Vielen.“ Der Diskurs formiert sich neu, indem er sich zur Unvollständigkeit seiner Zitate bekennt. Oberflächlichkeit wird zur Überlebensstrategie beim Surfen auf einem Gedankenozeans, in dessen Fülle sich der Einzelne als rettungslos Ertrinkender wähnt. In einer Zeit, in der Verzicht und Weglassen den meisten immer noch undenkbar scheint, wird  Mitredenkönnen zum Statusgut. Auf dem Jahrmarkt der Ideen, Analysen und Beschwörungen wird Weniger tatsächlich Mehr. Weniger Tiefe für ein mehr an Positionen. Der Leser des gesellschaftlichen Textes wird zum Kurator der Pluralität. Die Tiefenwirkung eines wirklich nachvollzogenen Gedankens im Sinne einer »tätigen Arbeit des Denkens an sich selbst« (Foucault) wird angesichts unserer ermatteten Selektionsfähigkeit wieder zu der klösterlichen Randdisziplin, aus der sie in der abendländischen Geistesgeschichte einst erwuchs. Man darf die Frage stellen, ob nicht die globale Medienrevolution das moderne Projekt des Bildungsbürgertums zum Abschluss durch Erschöpfung führt.

Aber diese Gedanken sollen nicht in Kulturkritik münden. Die neuen Formen der geistigen Weltdurchdringung bewegen sich über die Trittsteine eines kleinteiligen Mosaiks aus Postings, Tweets und Shortbooks. Die kommende Generation beginnt ihre weltliche Selbstbewusstwerdung nicht als Leser oder Hörer, sondern als Resonanzkörper milliardenfacher Kurzmessages.

Man könnte den »Mythos der reinen Lehre« als zentrales Theorie- und Weltverstehungsmotiv des 19. und 20. Jahrhunderts diagnostizieren. Denn ganz gleich, welche unterschiedlichen Ordnungsbemühungen die Tiefentaucher der großen Monografien antrieb, gemeinsam war ihnen ein innerer Ablaufplan aus Aufbruch, Aufschwung und Erkenntnis, das den Gedanken zum Werk machte und das Verstehen zum Prozess. Der Monografie gegenüber steht in der Resonanzgesellschaft die Auflösung des Werkgedankens hin zu einer weder benennbaren noch eingrenzbaren Multigrafie. Diese Multigrafie der individualisierten Massenkommunikation hat jedoch keine Leser, sie ist die Erhebung des Diskurses über seine Subjekte. Wenn die Bühne allumfassend wird, beendet das Theater seine Existenz. Die Landkarte verschluckt den Wanderer.

Das Phänomen der Verschlagwortung des Ideenaustausches markiert womöglich das Ende der Monografie als Bedeutungsträger der Gegenwartsinterpretation. Vor diesem Hintergrund sind Shortbooks, Abstracts und Exzerpte vielleicht der letzte Abschiedsgruß einer veralteten Kommunikationsform vor ihrem Verschwinden in das Reservat kultureller Randphänomene. Zumindest aber zeigt es, in welch kurze Gewänder sich Ideen hüllen müssen, wenn sie aus der traditionellen Buchkultur überwechseln in den Resonanzraum globalen Multi-Messagings.