Fotonachweis: emoji / photocase.comViele hoffnungsvolle Projekte enden im Chaos. Vorsätze werden vergessen und Ideen bleiben auf der Strecke – dabei wollen alle nur das Beste. Schuld ist die falsche Pyramide.

Kein Projekt scheitert wirklich. Nicht, wenn man »Ergebnis« mit »Erfolg« gleichsetzt. Am Ende steht immer ein Resultat, auf das man zeigen kann, und alles wird irgendwann fertig – zumindest wenn jemand Geld dafür ausgegeben hat. Die Frage ist also, was bedeutet »scheitern«?

Für mich ist ein Projekt dann gescheitert, wenn es keine klare Idee transportiert, wenn es seine Ziele verfehlt und die Ansprüche und Hoffnungen enttäuscht, mit denen es begonnen wurde. Erstaunlicherweise sind für diese Art von Fehlschlag viele Menschen blind, vor allem jene, die daran beteiligt sind. Kein Wunder, schließlich ist es oft ihr Engagement, das ein Projekt in dieser Weise scheitern lässt. Nicht ihr Engagement an sich, sondern ihre Beteiligung zum falschen Zeitpunkt. Dies ist das Problem der »falschen Pyramide«.

Pyramiden sind großartige Bauwerke. Solide und makellos überdauern sie Jahrhunderte, trotzen allen widrigen Einflüssen und beeindrucken durch ihre klare Form, man könnte auch sagen, ihr klares Konzept. Keiner würde je auf die verwegene Idee kommen, eine Pyramide umschmeißen zu wollen. Es wäre aussichtslos. Nun, glücklicherweise kommen Freiberufler und Projektteams nicht auf die Idee, mit ihren Projekten die Menschheit noch in Jahrhunderten zu beeindrucken. Trotzdem liegt in der Pyramidenform der Schlüssel zu einem beeindruckenden Projektergebnis: einem neuen Konzept, einer klaren Idee oder einem wirklichen Schritt vorwärts.

Ein großes Projekt gleicht in vielerlei Hinsicht einer Pyramide aus Menschen, genauer: aus den Ideen und Bemühungen der Menschen. Um dem Bauwerk Stabilität zu geben, sollte die Basis auf der wir bauen, so breit wie möglich sein. Für das Projekt heißt das: Am Anfang müssen alle zusammenkommen, die in irgendeiner Weise einen guten Gedanken und eine interessante Idee beisteuern könnten. Das erste Treffen braucht den größten Konferenztisch. Alle können sich einbringen, keine Bemerkung ist zu abwegig, zu versponnen oder schwierig. Diese Basis steht am Anfang, denn aus diesem Input entwickelt man das Konzept, das es im Weiteren zu verwirklichen gilt.

Schon bei der ersten Ausarbeitung und der verbindlichen Festlegung auf ein bestimmtes Vorgehen, sitzen weniger Menschen am Tisch. Die Pyramide beginnt, sich nach oben zu verjüngen. Je weiter ein Projekt voranschreitet, desto weniger Menschen dürfen daran verantwortlich beteiligt sein, desto weniger Entscheider darf es geben. Am Schluss, an der Spitze der Pyramide, gibt es nur noch ein oder zwei Menschen, die eine letzte Freigabe erteilen, die das Projekt für abgeschlossen erklären.

Man stelle sich vor: Kurz vor Abschluss einer kirchlichen Trauungszeremonie stellt der Priester die traditionelle Frage, ob denn noch jemand etwas gegen diese Verbindung einzuwenden hätte … und als Reaktion steht das gesamte Publikum auf und fängt lautstark an zu diskutieren.

Leider zeigt die Wirklichkeit in Unternehmen, dass in der Praxis sehr oft genau das passiert. Es entsteht die falsche Pyramide. Sie steht auf dem Kopf und kann nur mit viel Mühe ausbalanciert werden, damit sie nicht dröhnend zerschellt.

Das erste Briefingtreffen findet in kleinster Runde statt, manchmal nur mit einem Assistenten, der knappe Notizen weiterleitet, weil die Entscheider, die  über das Projekt bestimmen, noch keine Zeit haben. Es findet keine Ideensammlung statt, keine Einbeziehung von Menschen, die später mit dem Ergebnis umgehen müssen. Je weiter das Projekt voranschreitet, je mehr es »zu sehen gibt«, desto mehr Menschen schalten sich ein. Die falsche Pyramide wächst und wird immer instabiler.

Je näher man dem Ende kommt, desto weiter ist es entfernt. Es beginnt der zermürbende und nicht endende Prozess des »Verbesserns« und »Anpassens«, in den immer mehr Menschen involviert werden. Doch nur sehr selten wird dadurch wirklich etwas verbessert, denn es wird versucht, in ein fertiges Ergebnis nachträglich alle Dinge einzubauen, die man anfangs nicht eingebracht hat. Aus einem klaren Konzept wird Flickschusterei. Die falsche Pyramide ist fertig und das Projekt ist gescheitert.

Doch diese Nachbesserungen und Korrekturschleifen durch Menschen, die kurz vor Schluss zum ersten Mal über das Projekt nachdenken, sind für alle Beteiligten so mühsam und erschöpfend, dass allein das Ende dieses Prozesses als Erfolg empfunden wird.

Es stimmt, dass das diese »Pyramiden« in der Wirklichkeit vielgestaltiger sind, als die realen Wüstenbauwerke. Viele gute Projekte konnte ich verwirklichen, bei denen ich vom ersten Treffen bis zur letzten Freigabe nur mit ein oder zwei Menschen im Dialog war. Das waren dann allerdings die relevanten Entscheider. Es waren »Chefprojekte« und ein Brainstorming mit offenen Rahmenbedingungen lag nicht in der Natur der Sache. Dies ist für viele erfahrene Verantwortliche der Weg, um eine falsche Pyramide zu verhindern. Sie wissen, dass zu viele Köche Brei aus jedem Gericht machen.

Doch andere – vor allem sehr große – Projekte erfordern eine breite Basis, weil sie viele Teilbereiche in einem Unternehmen und bei anderen Dienstleistern berühren können. Dann gibt es nur die Wahl zwischen einer falschen und einer richtigen Pyramide. Erst mit allen reden, dann mit wenigen denken, dann alleine entscheiden. Alles andere sind Ruinen im Wüstensand.

(Fotonachweis: emoji / photocase.com)