photocaseh4ddrvuh54215241Die Strukturen der klassischen Moderne haben etwas dingliches, etwas die Außenwelt sortierendes. Fabrikschornsteine, Asphaltwege, Strommasten, Lagerhallen, Fernsehtürme, Landebahnen, Einkaufszentren, Hängebrücken, Hochhäuser – sie alle haben eine architektonische Autorität, mit der sie uns zu verstehen geben, wie sehr die industrielle Moderne unsere Umwelt neugestaltete. Betrachtet man diese Welt der Raumstrukturen, dann mag man zu der irrigen Annahme kommen, im Grunde habe sich hinter den industriell-technologischen Kulissen in den letzten 50 Jahren nichts Grundsätzliches geändert. Schlanker zwar, mitunter selbstbewusster hinter mattmilchigen Oberflächen, aber doch nichts Neues in den gelifteten Fassaden.

Doch die neuen Strukturen, jener Teil unserer späten Moderne, der uns seit einigen Jahrzehnten in seinen Bann geschlagen hat und unser aller Leben bis in die letzten Winkel unserer Gewohnheiten umformte, diese Strukturen sind Baumeister im Innenleben unserer Dinge.

Materiell-immaterielle Metaphern aus Netzen und Anwendungen, Begriffswandlungen und Unsinnigkeiten, Dealern und Aufklärern haben sich in das Knochenmark der Moderne eingenistet. Ein neuer Geist ist in die einst so normalen Dinge gekrochen und lehrte uns mit voodohafter Macht, was forthin als normales Ding zu gelten habe. Was früher ein Telefon war, ist heute ein Smartphone, was ein Fernseher war, ist ein Internet-Unterhaltungshub, was früher ein Auto war, ist ein fahrendes Netzwerk, und was eine Leitung war, ist heute Bandbreite.

Dabei entgeht unserem auf Oberflächen trainierten Blick häufig, dass es nicht das äußere Sein der Dinge war, das sich in der Umwälzung unseres Lebens veränderte. Es ist die Innenseite des Alltags, die sich neu bevölkerte und es ist völlig unklar, ob denn die Konstruktion der ersten Stahlbrücke eine größere oder kleinere Leistung war, als die Programmierung des ersten Internetprotokolls.

Und genauso, wie die raumgreifenden, zugleich Ehrfurcht und Abscheu provozierenden Strukturen der Maschinen-Moderne unser Leben in neue Bahnen lenkten, so griffen die neuen Geister in den Maschinen nach unseren Wesen. Selbstbewusst strukturieren sie unser Verstehen und Denken, versorgen uns mit mächtigen Metaphern und verschlagworten unser Leben so gründlich, wie einst Bürohochhäuser und Strommasten den bis dahin unverstellten Blick auf die Natur neu einfassten.

Blickte man aus einer Wolkenperspektive auf unsere Zeit, so würde man mühsam nach den einschneidenden Wandlungen suchen, denn selbst für Windkraftanlagen oder Solarpaneele ließen sich architektonische Urformen ersinnen, in Windmühlen oder vielleicht Trockengestellen. Doch unter den vergleichsweise ereignislosen Oberflächen hat eine Abwanderungsbewegung begonnen in die digitalen Tunnel und Höhlen, in denen wir uns hinter der schäbigen Hülle banaler Alltagskulissen verführerische oder bedrohliche Dinge zuraunen. Die Architektur der modernen Moderne ist eine innere Ausrichtung.

Vielleicht ein globales Ablenkungsmanöver als Vorspiel vor dem nächsten großen Baumeister. Ein Baumeister des ungeahnten Sachzwangs steigender Meeresspiegel und klimatischer Wutanfälle, der uns mit väterlicher Strenge herausrufen wird aus den digitalen Papierburgen.

Die Bauwerke der klassischen Moderne sind Wahrzeichen einer verblassenden Welt der anfassbaren Großtaten, von der Golden Gate Bridge bis zum Eiffelturm oder ihrem Remake durch die asiatisch-arabischen Allmachtsphantasien neuer Konsumdynastien. Das Staunen der Moderne war der Kopf, den wir in den Nacken legen mussten um unsere Schaffenskraft überblicken zu können.  Er ist dem Blick auf unsere Hände gewichen, dem gebeugten Kopf und den hektischen aber kaum merklichen Bewegungen, mit denen wir die schimmernden Oberflächen befingern. Gesten, an den man früher noch neurotische Verwirrung hätte ablesen können. Der Zeitgeist wurde müde und die Dinge begannen, uns ihren sanften, bunten und aufdringlichen Traum vom Seelenleben der Gegenstände zu erzählen. Der wetterfremde virtuelle Weltinnenraum wurde zur Geistesmetapher der Jahrhundertklippe. Und wir wurden zu Langschläfern vor einem sich verdüsternden Horizont.